Im Wintersemester 2010/2011 begann ich mein Medieninformatik-Studium an der Hochschule RheinMain. Und noch heute weiß ich, wie aufgeregt ich bei meiner ersten Klausur war. Es kam schon mal vor, dass ich die ein oder andere Klausur versemmelte. In der Regel kam ich gut durchs Studium, die Praxisorientierten Aufgaben und Projekte liefen meist sehr gut. Nur mit dem Druck der Klausur konnte ich manchmal nicht so gut umgehen. Dazu muss gesagt werden, dass ich mir schon in der Schule riesigen Druck gemacht habe. Ich wollte nie und nimmer sitzen bleiben. Für mich war das ein Zeichen von Schwäche. (Bei anderen habe ich das allerdings nie so gesehen) Das selbe Denken hatte ich auch im Studium: Bloß keine Klausur versauen! Auf keinen Fall die Regelstudienzeit überschreiten. Oft wurde einem eingeredet, wie schlecht es für einen Arbeitgeber aussieht, wenn man länger für’s Studium braucht. Von wem weiß ich schon gar nicht mehr. Und dann war da noch die Sache mit dem BAföG. Ausserdem wollte ich schnell „weiter“. In eine neue, mir unbekannte Stadt. Schließlich kam ich drei Monate vor Studienbeginn erst aus Australien wieder und die Wanderlust hatte mich noch voll im Griff.

Mehr als ein Versuch ist vollkommen okay. Wenn es nicht die Regel wird.

Den Zweitversuch habe ich meistens mit Leichtigkeit bestanden. Nur ein Mal, da hat es nicht gereicht. Das bedeutete für mich: Drittversuch. F***. Das sollte mir nie passieren. Ich war im 5. Semester und die Drittsemesterveranstaltung verfolgte mich. Mir fehlten lediglich die bisher zwei Mal nicht bestandene Klausur, mein Praxissemester und die Abschlussarbeit. Aber warum konnte ich diese Klausur einfach nicht bestehen, obwohl ich in den Praxisstunden dafür eine sehr gute Note hatte?

Im zweiten Semester kam ich damals durch Kommilitonen in den Fachschaftsrat unseres Fachbereiches. Ich lernte, wie wichtig es ist sich in die Hochschul-Gremien einzubringen. (Leute! Macht das!) So floss eine Großzahl meiner freien Zeit in Treffen, Sitzungen und allgemeine Gremienarbeit. Das war eine unglaublich tolle Zeit. Dieses Gefühl etwas bewirken zu können tat gut. Also bewarb ich mich ein Jahr später als Vorstand des Allgemeinen Studierendenausschusses an meiner Hochschule. Beziehungsweise wurde ausgewählt diesen Posten zu besetzen. Kurz vor meinem Drittversuch wurde ich vom Studierendenparlament gewählt und eingestellt. Diese Arbeit war mir sehr wichtig, ich hatte viel Verantwortung und auf meinem Schreibtisch lag ein Haufen Arbeit. Sitzungen und Treffen häuften sich, egal ob intern, mit dem Hochschulpräsidenten oder der Presse. Im Nachhinein nahm ich den Drittversuch vielleicht nicht ernst genug. Ich lernte zwar, aber verbrachte die meiste Zeit mit dem AStA. Es wurde von mir erwartet und ich wollte die hohen Ansprüche erfüllen. Zudem stieg mein Vorstandskollege zeitnah aus. So verbrachte ich ebenfalls Zeit neue Kollegen einzulernen.

Gleichzeitig wurde ich krank.

Es kam so schleichend, dass ich es erst gemerkt habe, als es zu spät war: ich konnte mich nicht konzentrieren, konnte keinen einzigen Satz mit einem Mal lesen und verstehen, hatte unglaubliche Kopfschmerzen, war Lustlos und habe nur noch geschlafen. Sehr viel geschlafen. Die Symptome waren unzählbar. Ich war mit meinem Stimmungsschwankungen so unausstehlich, dass ich mich selbst gerne manchmal gegen die Wand geklatscht hätte. All das dank einer zu kleinen Schilddrüse.

Es kam alles zusammen. Und dann musste es wohl so kommen: ich habe meinen Drittversuch versemmelt. Nicht bestanden. Exmatrikuliert. Studium verkackt. Ich war ein Wrack.

Meine Welt um mich herum fiel in viele kleine Stücke.

Zu dem Zeitpunkt war mir noch nicht bewusst, dass nicht nur alles zu viel war, sondern ich krank wurde. Aber die Selbstzweifel wurden immer größer. War die Informatik vielleicht doch nichts für mich? Aber ich hatte doch Spaß daran. Und nur weil ich in der Theorie manches nicht wie gewünscht wiedergeben konnte, heißt es doch nicht, dass mein Logikverständnis schlecht ist. Oder? Ich liebe es mir Algorithmen auszudenken und diese umzusetzen. Also kann es nicht nur an mir liegen.

Die ein oder andere Stunde saß ich heulend bei dem Professor, durch den ich Exmatrikuliert wurde. Nein, ich wollte dadurch keine bessere Note haben. Ich wollte einfach nur wissen, wie es nun weitergehen kann. Ich war planlos, hatte Angst und große Zweifel. Doch ich bekam durch diesen Professor die meiste Unterstützung. Ich konnte in einen anderen Informatikstudiengang an meiner Hochschule wechseln und somit auch viele Fächer anrechnen lassen.

Es ging schnell aufwärts.

Ich wurde in ein höheres Fachsemester immatrikuliert und musste viel Zeit investieren mit Professoren über die Anrechnung meiner Leistungen zu sprechen. Zusätzlich musste ich an Vorlesungen teilnehmen, die zuvor nicht Teil meines Stundenplans waren. Aber ich fand diese Thematiken sehr interessant. Endlich mal Schaltkreise bauen! Oder sich mit Routern beschäftigen. Vorher wusste ich es nicht: aber mir hat das im vorherigen Studiengang gefehlt. Zusätzlich konnte ich durch Einnahme von Hormonen endlich die unzähligen Symptome loswerden. Meine Noten wurden wieder so gut wie zu Beginn meines Studiums, die Kerle hatten zwar immer noch Scheu davor mit mir zu sprechen, aber ich fand ein paar Gleichgesinnte.

Regelstudienzeit ist kaum ein Thema.

Zumindest in der Informatik und bei den Leuten, mit denen ich mich unterhalten habe. Egal ob es sich hierbei um Professoren, zukünftige Arbeitgeber oder außenstehende Personen handelte. Jeder einzelne hat mir bestätigt, dass es unwichtig ist, ob man ein paar Semester länger gebraucht hat. Hier stellt einem nur das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) einem ein Bein. „Out of Regelstudienzeit? Well, fuck you.“
Viel wichtiger ist, was du während des regulären Studiums getan hast. Gremienarbeit wird sehr hoch geschätzt, Sprachkurse oder andere Trainings sind gern gesehen. Und ein großer Vorteil: ist man während des Studiums Teil von Gremien, kann man sich ebenfalls fürs BAföG Vorteile einheimsen.

Studienzeit ist Bildung und Selbstfindung.

Ich kann zum Schluss nur jedem ans Herz legen: sei fleißig, lass dich nicht unterbuttern und schau‘ auch mal über den Tellerrand! Die Studienzeit geht schnell vorbei und ist ein einmaliger Lebensabschnitt. Das eine Jahr mehr tut zur Not keinem weh. Eine Klausur versemmeln ist absolut normal, aber sieh zu, dass du die Klausuren ernst nimmst. Den Nervenkitzel eines Drittversuchs wünsche ich niemanden. Falls es aber doch mal so weit kommen sollte: bleib ruhig! Du bist nicht der Erste. Es geht weiter, vielleicht sogar besser als vorher. Suche Hilfe bei Professoren und lass dich unterstützen.